Maracatu

Was ist Maracatu?

Mit Maracatu bezeichnet man in Brasilien nicht nur einen Musikstil, sondern auch eine Gruppe die Maracatu tanzt, spielt und singt.

Maracatu nennt man auch das Ereignis, das von einer Maracatugruppe gestaltet wird. Heute abend gehen wir zum Maracatu!

Ende 17. / Anfang 18. Jrh.

Ende 17. / Anfang 18. Jrh.


Der genaue Zeitpunkt der Entstehung der Kultur des Maracatu lässt sich nicht exakt datieren, reicht aber einige hundert Jahre in die brasilianische Geschichte zurück. Die älteste noch aktive Maracatu Gruppe, die ohne Unterbrechung aktiv war, ist Leão Coroado, heute in Olinda beheimatet. Leão Coroado feierte im Jahr 2013 sein 150stes Bestehen. Die ersten Maracatugruppen entstanden aber mit großer Wahrscheinlichkeit wesentlich früher.

In ganz Brasilien bildeten sich Ende des 17 und Beginn des 18. Jahrhunderts Gemeinschaften der schwarzen Bevölkerung, in der Regel mit religiösem und gesellschaftlichem Hintergrund. Das zeugt von einem zaghaft aufkommenden neuen Bewusstsein der in der Regel noch als Sklaven gehaltenen farbigen Bevölkerung. Diese Gruppierungen wählten einen Führer oder eine Führerin, für die sich die Bezeichnung Rey do Congo - Congo König – etablierte. Diese Führer waren einerseits herausragende Persönlichkeiten der schwarzen Gemeinschaften und so von innerer politischer Bedeutung, andererseits aber auch Bindeglied der in der Regel weißen Oberschicht zur farbigen Bevölkerung. Zur Installation einer neuen Congo Königin oder eines Königs und zu den Festen der Heiligen zogen diese Gruppen, Congadas genannt, in feierlichen Umzügen durch die Orte, begleitet von Musik.

Auch als mit der Abschaffung der Sklaverei die politische Bedeutung dieser Gemeinschaften und ihrer Führer allmählich nachließ, blieb dieser Brauch in einigen Regionen Brasiliens bis auf den heutigen Tag lebendig, wie in Minas Gerais im Tambor Mineiro oder in Pernambuco in den Maracatus de Baque Virado. Der Tambor Mineiro ist heutzutage fest mit dem katholischen Glauben verbunden, die traditionellen Maracatus aus Olinda und Recife dagegen sind tief im afrobrasilianischen Kult, in Pernambuco Xango genannt, verwurzelt. Mit der nachlassenden gesellschaftlichen Bedeutung nahmen auch die Gelegenheiten ab, bei denen sich die Maracatus in der Öffentlichkeit zeigen konnten.

Schließlich wurde der Karneval zum wichtigsten Ereignis des Jahres, obwohl die Energie des Baque Virado, der stark synkopierte Rhythmus, der mächtige Klang der Trommeln, das eher würdevolle Tanzen und nicht zuletzt der religiöse Zusammenhang im Widerspruch zum ausgelassenen Temperament des Karnevals stehen.

Ende der 1980er Jahre bis heute

Ende der 1980er Jahre bis heute


Ende der 80 er Jahre des vergangenen Jahrhunderts gab es in Pernambuco nur noch wenige aktive Maracatus. Ihre musikalische und gesellschaftliche Bedeutung hatte stetig abgenommen. Erst durch den Erfolg von Chico Science und Nação Zumbi, die in ihren Mangue Beat Maracaturhythmen mischten, bekamen auch die traditionellen Maracatus wieder mehr Aufmerksamkeit. Parallel dazu etablierte sich mit Nação Pernambuco ein neues Konzept für eine Maracatugemeinschaft. Die Mitglieder dieses neu gegründeten Maracatus, überwiegend aus der Mittelschicht stammend, hatten ein vorwiegend ästhetisches und musikalisches Interesse am Maracatu, jedoch nur geringen Zugang zu den religiösen Inhalten. So wurde der lange mit Vorurteilen bedachte und von vielen Mythen umrankte Maracatu allmählich für breite Schichten der Bevölkerung Pernambucos interessant.

In Folge dessen wurden viele neue Gruppen gegründet, die aber mit dem Gesamtkonzept der traditionellen Gruppen praktisch nichts mehr zu tun haben. Man unterscheidet daher die traditionellen Maracatus von den vielen neuen Trommelgruppen, die auf den traditionellen Instrumenten Maracatu Rhythmen spielen und die sich auf die musikalischen Inhalte konzentrieren. Diese neue Form nennt man Maracatu Estilizado, oder Maracatu de Baque Livre, im Gegensatz zum traditionellen Maracatu de Baque Virado.


Die im Maracatu verwendeten Instrumente

Das Instrument, das heutzutage die meiste Aufmerksamkeit erweckt, ist die Basstrommel, heute Alfaia genannt. Vor wenigen Jahrzehnten noch nannte man die Basstrommeln schlicht Bombo oder Zabumba. Für diese Basstrommeln wurden früher gebrauchte Fässer verwendet, meist Schnaps- oder Weinfässer. Später wurden in dieser Bauweise auch neue Trommelkörper gefertigt. Heutzutage werden die Alfaias überwiegend mit einem Körper aus Sperrholz gefertigt. Seit kurzem gibt es auch wieder Alfaias aus Macaiba. Macaiba ist eine Palme mit sehr dichtem und hartem Holz. Die ausgehöhlten Stämme liefern, in Segmente gesägt und in traditioneller Schnurspannweise mit einem Ziegenfell bespannt, einen hervorragende Resonanzraum. Charakteristisch ist die Schnurspannung zum Stimmen der Alfaias. Mit diesem Spannsystem lassen sich die Trommeln nur schwer auf einen bestimmten Ton stimmen. Anders als im Samba, wo die Surdos genau auf eine Tonhöhe gestimmt werden, ist diese ungenaue Tonhöhe beim Maracatu ein gewünschter Effekt. So kommt es zum Ineinanderfließen der verschiedenen Stimmen und es entsteht das charakteristische Gewitter. Nana Vasconçelos sagte in einem Interview: Maracatu é trovão? - Maracatu ist Donner.

Das Instrumentarium vervollständigen die Schnarrtrommeln Caixa de Guerra und Tarol, der Mineiro, (ein Schüttelrohr mit Samenfüllung) und der Gongue, eine große Glocke aus Eisenblech. Seit wenigen Jahren wird im Maracatu de Baque Virado auch ein Shekeré, in Pernambuco A(g)bé genannt, verwendet. Und obwohl der Shekere ein altes Instrument afrikanischen Ursprungs ist, ist er kein traditionelles Maracatuinstrument. Verschiedene Gruppen versuchen auch die Timbal im musikalischen Gefüge des Maracatu zu integrieren.

Die Rhythmen und Gesänge des Maracatu

Der Maracatu kommt aus der gleichen Quelle wie der Samba, der musikalischen Tradition der Bantuvölker im südlichen Zentralafrika. Im traditionellen Maracatu werden mit leichten Abwandlungen 4 Rhythmen gespielt:
Martelo, Luanda, Arrastão - auch Toque do Elefante, und Baque Parado. Der musikalische Ablauf folgte früher einfachen Regeln. Ein Vorsänger intonierte ein der Situation zugeordnetes Lied (Loa), die Gruppe antwortet im Refrain und schließlich setzt das gesamte Trommelorchester ein, manchmal mit einem Call durch die Caixa gerufen.

In früheren Zeiten, ohne die Möglichkeit, Gesang elektronisch zu verstärken, verwendete der Vorsänger zur Bündelung seiner Stimme ein Sprachrohr oder eine Flüstertüte.

In den traditionellen Liedern geht es häufig um religiöse Inhalte, die Historie und die Bedeutung der Gruppe. Es gibt aber auch Lieder, die bestimmten anderen Maracatugruppen zugeordnet sind und nur dann gesungen wurden, wenn sich die beiden Gruppen bei den Umzügen begegneten. Die Rhythmen der tiefen Trommeln folgen einer in der afrikanischen Trommelmusik häufig anzutreffenden Dreigliederung. Eine Basisstimme (Marcante) wiederholt ohne Variationen ein Pattern, dazu kommt eine Solostimme (Repique) die, auf der Basis eines komplexen Grundpatterns, an bestimmten Stellen des Liedes, wie zum Beispiel gegen Ende des Stückes, stilgetreu improvisieren kann. Komplettiert werden diese beiden Trommeln durch eine Mittelstimme (Meião). Die Meião ist oft eine ausgeschmückte Variation der Basis, oder ist als eine Antwort zur Marcante gestaltet. Die Anzahl der Marcantespieler ist ein Vielfaches der Repique und Meiãostimmen.

Früher waren zwei hohe Begleitstimmen, gespielt auf Tarol und Caixa de Guerra, Standard. Heutzutage ist es eher die Regel, dass alle Snareinstrumente dem gleichen Pattern folgen. Das zentrale Instrument ist eine Aufschlagglocke aus Eisen, der Gongue. Eine Maracatugruppe hat nur einen Gongueiro. Ein erfahrener Gonguespieler gibt den Trommlern und Caixaspielern mit seinen stetig wiederholten Patterns Halt und Orientierung und befeuert mit seinen Variationen, sparsam platziert, das musikalische Geschehen. Als charakteristische Gonguepatterns gelten zwei unterschiedliche zwei- bzw. 4 beatige Glockenfiguren.

Bis in die 50er Jahre des vergangenen Jahrhunderts war die Verwendung von Rasseln und Schüttelinstrumenten im Maracatu eher die Ausnahme. Heute gilt ein großer Shaker, in Pernambuco Mineiro genannt, als traditionelles Instrument. Auf dem Mineiro wird ein dem Sambagrundpattern ähnlicher Rhythmus gespielt, mit der Betonung des Beats. Die Shekerés wiederholen stetig ein zum Mineiro verschiedenes Pattern, aber ebenfalls mit Betonung des Beats, Durch hochwerfen und wieder auffangen des Shekerés und andere Choreografien versuchen die Shekerespielerinnen optische und rhythmische Abwechslung in den musikalischen Ablauf zu bringen.

Form und Gestaltung der Maracatugruppe

In Brasilien liegt bei den traditionellen Maracatugruppen das Hauptaugenmerk nicht auf den Trommlern, sondern auf dem Königspaar. Königin und König sind in prächtige Kostüme gewandet und durch einen großen, von einem Träger in stetiger Bewegung gehaltenen Schirm beschützt. Das Königspaar wird von einem großen Hofstaat begleitet. Sklaven (!), Hofdamen, Laternenträger, Lanzenträger, Bahianas und vor allem die Trägerinnen der Calungas sind fester Bestandteil einer jeden traditionellen Marcatugruppe.

Die Calunga ist eine kleine, prachtvoll gekleidete Figur. Sie wird von der Dama do Paço gehalten und im Tanz mitbewegt. Die Calunga trägt den Namen einer historischen, bereits verstorbenen Persönlichkeit und steht für die Ahnen und das Wissen der Überlieferung. Im Umzug bilden Hofstaat und Königspaar den vorderen Teil der Gruppe, erst danach kommen die Trommler und der Sänger. Den Abschluss bilden die Bahianas und meist eine weitere Gruppe von Hofdamen.


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